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„Die furchtbarste Wohnung, die ich je gereinigt habe …“

von | Mai 19, 2016 | aktuelle_artikel, Neu, Wissen-Reinigung

Peter Anders aus München ist 49 Jahre alt und arbeitet als Tatortreiniger. Wenn der Tod nicht aufgeräumt hat, bringt er das Zimmer oder manchmal die ganze Wohnung wieder in Ordnung – dutzende Male pro Jahr. Darüber berichtet er auch am 23. Juni 2016 in München beim rhw-Fachtag.

Dass der Tod nicht aufräumt, kommt öfter vor, als man glaubt. In diesem Beitrag, den wir als gekürzten Buchauszug (Heyne Verlag) abdrucken dürfen, geht es jedoch um einen anderen Fall. Tatsächlich war in dieser Wohnung, der furchtbarsten Wohnung, die ich je gereinigt habe, niemand gestorben. Und letztlich hatte die ganze Geschichte bei aller Widerlichkeit sogar auch etwas Rührendes, aber widerlich war es trotzdem. Und solche Jobs möchte ich, ehrlich gesagt, nicht mehr allzu oft machen. Doch das konnte ich ja nicht ahnen, als der Mann anrief.

Der Mann war etwa 60 Jahre alt, und wie er auf uns gekommen ist, weiß ich bis heute nicht. Ich merkte sofort, dass ihm der Anruf furchtbar unangenehm war. Seine Mutter war gestorben, erzählte er, in drei Tagen sei die Beerdigung, und darum wolle seine Schwester zu Besuch kommen – und bei ihm übernachten. Und dann dürfe die Wohnung auf keinen Fall so aussehen, wie sie jetzt aussähe. Auf keinen Fall! Er wüsste sich nicht mehr zu helfen, ob wir da was machen könnten?

„Prinzipiell schon“, sagte ich, „das ist zwar nicht unser Spezialgebiet, aber was machen können wir sicher. Was ist denn mit Ihrer Wohnung nicht in Ordnung?“ Er lebe allein, sagte er, und er habe länger nicht aufgeräumt. Er habe da diese Lebensmittelmotten, und außerdem gäbe es ein Problem mit dem Abfluss der Toilette, und zwar schon länger, doch den Klempner könne er in der Sache nicht rufen, weil der sich geweigert habe, das zu reparieren, so lange es so schmutzig sei.

Spätestens jetzt hatte ich eine ungefähre Vorstellung davon, was los war – ein Klempner ist von verstopften und schmutzigen Toiletten vermutlich nicht sonderlich überrascht und sieht so etwas öfter, das konnte also nicht der Grund sein. Vermutlich war es dem älteren Herrn selbst unangenehm, den Klempner zu rufen. Warum es ihm jedoch weniger unangenehm war, uns zu rufen, weiß ich nicht. Unsere Homepage sieht auch nicht feinfühliger aus als die anderer Unternehmen.

Ich wollte ihm den Auftrag nicht abschlagen. Das lag auch an seiner Stimme: Der Mann sprach klar, ein wenig langsam, aber man hörte sofort, dass er kein Alkoholiker war, niemand von den Menschen, die wir normalerweise in Messie-Wohnungen finden, die zwischen leeren Billigbierflaschen und Discounter-Wodka leben.

Verstopft, verdreckt und voller Lebensmittelmotten
Wie immer es bei ihm aussehen mochte, dieser Mann schämte sich bis auf die Knochen dafür. Und man hörte deutlich, dass es ihn große Überwindung gekostet hatte, uns zu benachrichtigen. Ich konnte mir genau vorstellen, wie groß seine Angst sein musste vor dem Augenblick, in dem seine Schwester die Wohnung betrat und das erlebte, was er für so furchtbar hielt. Und falls ich ablehnen würde, war fraglich, ob er sich zu einem Anruf bei einer anderen Firma würde durchringen können. Also sagte ich zu. Ein verstopfter Abfluss, etwas Unordnung, Lebensmittelmotten – was konnte daran schon so schlimm sein?

Wir klingelten pünktlich um neun Uhr bei dem alten Herrn in einer Stadt im Chiemgau. Ich hatte mich nicht getäuscht, am Klingelschild stand sein Name mit einem „Dr.“ davor, er war vielleicht ein bisschen durchgeknallt, etwas vergeistigt, wie man sich zerstreute Wissenschaftler eben vorstellt, aber im Grunde sicher gut bürgerlich, das konnte nicht so schlimm sein. Und als der Doktor öffnete, wirkte er auch nicht völlig verlottert: Er hatte einen weißen Bart, eine Brille, ein schmuddeliges, fleckiges Hemd, Hosenträger an einer dunkelgrauen Hose ungewissen Zustands und roch nach altem Mann, aber nicht übermäßig, was ich angesichts der Wohnung im Nachhinein als mittelgroßes Wunder bezeichnen muss.

Peter Anders

Mehr zum Thema lesen Sie in der rhw management-Ausgabe 6/2016

Buchtipp
Anders, Peter: „Was vom Tode übrig bleibt: Ein Tatortreiniger berichtet“. Wilhelm Heyne Verlag, München, 4. Auflage 2011, 256 Seiten, 8,99 Euro, ISBN: 978-3-453-60184-0

Peter Anders ist auch Referent beim 1. rhw-Fachtag am 23. Juni 2016 in München! Hier geht’s zur Anmeldung

Foto: Kay Blaschke

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