Mit Ich verstehe Ihren Unmut legt der junge Münchner Regisseur Kilian Armando Friedrich ein bemerkenswertes Spielfilmdebüt vor, das den Arbeitsalltag von Reinigungskräften und Objektleitungen in den Mittelpunkt rückt. Entstanden aus persönlichen Erfahrungen und einer tragischen Begegnung, entwickelt sich der Film zu einem eindringlichen Sozialdrama, das weit über die Gebäudereinigungsbranche hinaus Fragen nach Wertschätzung, Verantwortung und menschlicher Würde stellt.
Die Idee zu dem Film entstand, als Kilian Armando Friedrich während seines Studiums in der Gebäudereinigung arbeitete. Dort lernte er eine Objektleitung kennen, deren Schicksal ihn nachhaltig prägte. Nach vielen Jahren im Beruf nahm sich die Frau das Leben. Der Film ist deshalb nicht nur Gesellschaftsstudie, sondern auch eine Hommage an diese Person.
Ursprünglich war das Projekt als Dokumentarfilm geplant. Friedrich entschied sich jedoch bewusst für einen fiktionalen Ansatz. Dadurch konnte er Situationen zeigen, die in einer klassischen Dokumentation kaum zugänglich gewesen wären – etwa Kündigungen, Konflikte mit Auftraggebern oder die psychische Belastung von Führungskräften in der Reinigungsbranche.

Authentizität statt Schauspielroutine
Das Besondere an Ich verstehe Ihren Unmut ist die Besetzung. Die Hauptrolle Heike Kamp übernimmt Sabine Thalau (Foto oben mit Robert Baumann von rhw), die seit rund 20 Jahren als Objektleiterin arbeitet und keinerlei Schauspielerfahrung besitzt. Ursprünglich unterstützte sie Friedrich bei seinen Recherchen. Erst später fragte er sie, ob sie sich dem Casting stellen wolle.
Das Ergebnis ist beeindruckend. Thalaus Darstellung wirkt nie gespielt, sondern erlebt. Ihre Figur trägt die Last eines Berufs, in dem Personalmangel, Kostendruck und menschliche Konflikte täglich aufeinandertreffen. Viele ihrer eigenen Erfahrungen flossen unmittelbar in die Rolle ein.
An ihrer Seite steht Nada Kosturin als Taja, die ebenfalls seit 25 Jahren in der Reinigungsbranche tätig ist. Auch sie betritt mit diesem Film erstmals die Schauspielbühne. Die fehlende Schauspielausbildung erweist sich dabei eher als Stärke denn als Schwäche: Die Figuren wirken glaubwürdig und sehr nahbar.
Hektik als Stilmittel
Formal setzt Friedrich auf eine Schulterkamera statt auf statische Einstellungen. Die Kamera folgt den Figuren beinahe rastlos durch Keller, Flure und Hinterräume Münchens. Gedreht wurde unter anderem in den unterirdischen Bereichen der Technischen Universität München oder im Phönix-Bad Ottobrunn.
Diese Bildsprache erzeugt eine permanente Unruhe. Der Zuschauer wird förmlich durch den Arbeitsalltag gejagt und offenbart so, dass die Managerin/Objektleitung im Alltag zerrieben wird zwischen Mitarbeitermotivation und Kundenansprüchen. Auch operative, geplante Mitarbeit tagtäglich und die damit körperlich verbundene Arbeit (blaue Müllsäcke voller gebrauchter Wischbezüge als wiederkehrendes Symbolbild) und der ständige Ortswechsel werden präsent dargestellt.
Die Kameraführung wirkt gehetzt, manchmal sogar atemlos. Das passt zum dargestellten Beruf, fordert das Publikum jedoch auch heraus. Die Vielzahl an Situationen sorgt stellenweise dafür, dass nicht jede Nebenfigur vollständig entwickelt wird, wie zum Beispiel das Zusammenleben in der engen Wohnung mit ihrem Ex-Freund. Gerade darin liegt aber auch eine gewisse Konsequenz: Der Film fühlt sich stellenweise so überlastet an wie die Menschen, die er porträtiert.
Improvisation schafft Wahrhaftigkeit
Besonders stark sind die improvisierten Szenen. Rund 20 Prozent des Films entstanden bewusst ohne festes Drehbuch, verrät der Regisseur im Publikumsgespräch am 1. Juni 2026 in München. Während sogenannter Improvisationsnachmittage entwickelten die Darsteller Dialoge eigenständig und dies war so erfolgreich, dass fast alles davon im Film eingesetzt wurde.
Dazu gehören auch zahlreiche Telefongespräche, die während der Dienst-Autofahrten entstanden. Einige Schauspieler wurden aufgefordert, ihre Perspektiven zu wechseln – Dienstleister schlüpften in die Rolle von Auftraggebern und reden so fast schon schmerzlich mit der Hauptdarstellerin aneinander vorbei. So improvisiert entstand auch der Satz „Ich verstehe Ihren Unmut“, der schließlich zum Filmtitel wurde und wie eine Formel für distanziertes Mitgefühl wirkt: höflich, professionell, aber oft ohne echte Lösung.
Ein Film, der weh tut
Inhaltlich scheut der Film keine Härte. Er zeigt eine Branche, in der alles möglichst billig sein soll, während Wertschätzung häufig auf der Strecke bleibt. Objektleitungen müssen Konflikte abfangen, Personalengpässe bewältigen und zwischen Auftraggebern, Subunternehmern und Mitarbeitern vermitteln – oft ohne ausreichenden Handlungsspielraum.
Der Film behauptet nicht, die gesamte Branche abzubilden. Dennoch gelingt ihm etwas Seltenes: Er macht sichtbar, was hinter einer Tätigkeit steckt, die viele Menschen täglich wahrnehmen, ohne darüber nachzudenken.
Besonders eindrücklich war eine Wortmeldung aus dem Publikum bei der Münchner Preview am 1. Juni 2026. Eine Reinigungskraft sagte, man würde sich häufig schon darüber freuen, wenn Kunden einfach „Hallo“ und „Danke“ sagen würden. Kaum ein Satz fasst die Botschaft des Films treffender zusammen.
Politisches Kino mit Wirkung
Ich verstehe Ihren Unmut versteht sich nicht nur als Drama, sondern auch als gesellschaftlicher Weckruf. Friedrich möchte Diskussionen über Arbeitsbedingungen und Wertschätzung anstoßen. Gespräche mit der Gewerkschaft IG BAU und weiteren Arbeitnehmervertretungen sollen diese Debatte fortführen. Dass der Film seine Wirkung nicht verfehlt, zeigt auch sein Erfolg auf Festivals wie der Berlinale.
Fazit
Ich verstehe Ihren Unmut ist kein perfekter Film. Manche Handlungsstränge bleiben offen, einige Szenen wirken bewusst roh und die permanente Hektik kann mitunter anstrengend werden. Doch gerade diese Unvollkommenheit macht seine Stärke aus.
Kilian Armando Friedrich gelingt ein Film, der nicht bloß informiert, sondern emotional trifft. Er zwingt das Publikum dazu, Menschen wahrzunehmen, die oft übersehen werden. Das Ergebnis ist unbequem, bewegend und lange nachwirkend – ein Sozialdrama, das tatsächlich „in den Magen schlägt“ und einer unsichtbaren Berufsgruppe die Aufmerksamkeit schenkt, die sie verdient.
Robert Baumann
Foto: Robert Baumann im City 2 Kino am 1. Juni 2026








