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„Religion ist nicht so wichtig wie Menschlichkeit“

Was ist im Umgang mit muslimischen Mitarbeitern in der Hauswirtschaft zu beachten? Rabia Bechari (40) hat mit anderen sozial engagierten Muslima den karitativen Verein „Salam e. V. Muslimische Seelsorge“ gegründet und vermittelt so ihr Wissen.

Sie arbeiteten vor Ihrer Tätigkeit in der Seelsorge in einer Bank, wie wurden Sie damals wahrgenommen, als Muslima mit Kopftuch?
Ich habe ja erst im Laufe der Zeit, 2004, bewusst entschieden, ein Kopftuch zu tragen. Ich sehe es als ein religiöses Gebot, auch wenn mein erster Ehemann das damals nicht verstehen konnte. Tatsächlich gab es teilweise heftige Reaktionen in der Bank, in der ich gearbeitet habe. Da wurde mir entgegen gerufen: „So was wie sie gehört hier nicht her, wir haben hier jahrzehntelang für die Frauenrechte gekämpft.“

Was antworten Sie, wenn es jemand als Zeichen der Unterdrückung sieht, ein Kopftuch zu tragen?
Ich finde, man sollte einfach miteinander sprechen, meine Tochter beispielsweise ist 20 Jahre alt und trägt kein Kopftuch. Wir sind da durchaus unterschiedlicher Meinung, aber klug genug, deshalb den Kontakt nicht abzubrechen. Man kann ja mit einem Arbeitgeber auch darüber sprechen, in welcher Form man das Kopftuch trägt.

Schweinefleisch gilt ja ebenfalls als Tabu, doch damit entfällt natürlich die Chance, in der Großküche zu arbeiten. Wie sehen Sie das?
Von den religiösen Vorschriften her gesehen ist der Genuss von Schweinefleisch und alkoholhaltiger Nahrung nicht erlaubt. Auch andere Nahrungsmittel dürfen damit nicht in Kontakt zu kommen. In Bezug auf Alkohol spricht man von einem Verbot wegen der berauschenden Wirkung. Wenn man also mit Wein abgelöschte Soßen abschmeckt, sehe ich das nicht so problematisch, denn es geht es ja nicht darum, sich eine berauschende Wirkung zuzuführen.
Und beim Schweinefleisch gibt es durchaus unterschiedliche Sichtweisen, es zu berühren ist ja nicht verboten, und ich habe auch schon jemanden erlebt, der auf der Arbeit als Teil seines Jobs Schweinefleischgerichte abschmeckt und dies nur nicht in der Öffentlichkeit, beispielsweise am Tisch mit Kollegen, essen wollte. Für mich persönlich wäre es tatsächlich eine schwierige Frage, ob ich mit Schweinefleisch in der Küche arbeiten könnte. Darauf hätte ich selbst noch keine richtige Antwort.

Hinzu kommt, dass das Fleisch halal geschlachtet werden muss.
Ja, das stellt viele Großküchen vor eine Herausforderung. Übrigens gibt es auch beim jüdischen Metzger Halal-Fleisch.

Wie lassen sich Ramadan und Arbeit vereinbaren?
Ramadan ist ja keine Krankheit, deshalb können die Menschen ganz normal arbeiten. So ist im Ramadan auch ein Schluck Wasser erlaubt, wenn es jemandem gesundheitlich dadurch besser gehen sollte. Die Religion ist nicht so wichtig wie die Menschlichkeit. Für mich ist am wichtigsten, dass die Religion die Menschen unterstützt.
Sie soll keine Last sein. Und nicht dogmatisch wahrgenommen werden. Als Seelsorgerin habe ich gelernt zuzuhören: Ich muss keine Lösung finden.

Fünf Mal am Tag sollte gebetet werden, doch man kann doch nicht deshalb Arbeitsabläufe unverrichtet lassen?
Zum einen muss nicht unbedingt nach Mekka ausgerichtet gebetet werden, und zum anderen kann die Zeitspanne auch angepasst werden. Man darf zum Beispiel Gebete auch zusammenlegen. Und wenn es gar nicht geht, darf man auch mit dem Herzen beten. Wenn es hier mit Auszubildenden zu Diskussionen kommen sollte, dann ist es wichtig, gegenseitig Respekt zu zeigen, auch wenn klar sein muss, dass der Chef bzw. Chefin die Regeln aufstellt! Jugendliche sind nun einmal gerne aufmüpfig – unabhängig von ihrer Religion.
Doch wird diese natürlich eventuell mal als Vorwand genutzt, wenn man keine Lust hat zu arbeiten. Und hier fehlt den deutschen Vorgesetzen sicherlich manchmal die Sicherheit im Umgang mit den Religionen, da soll ja unser Gespräch ein wenig aufklären.

Interview: Robert Baumann

www.salamev.de

Das komplette Interview lesen Sie in der rhw management-Ausgabe 7-8/2016

Foto: Robert Baumann

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